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Rückblick: Das war die Konferenz "Fit for Gender!?"

443 interessierte TeilnehmerInnen tagten im Wiener Rathaus

Mittwoch, 30. November 2011

Die interdisziplinäre Konferenz „Fit for Gender?!“ am 17. 11. 2011 im Wiener Rathaus drehte sich rund um gesundheitliche Ungleichheiten und den Einfluss von Gender aus der Perspektive der Gesundheitsplanung, der Medizin, der Psychologie, der Gesundheitsförderung und der Sozialwissenschaften. Veranstaltet wurde die Tagung vom Wiener Programm für Frauengesundheit in Kooperation mit der Medizinischen Universität Wien und der Wiener Gesundheitsförderung.


1_FFGWie fit ist unser Gesundheitssystem bezüglich Chancengleichheit? Sind wir wirklich so weit vom Ideal einer sozial ausgewogenen Gesellschaft mit einem Zugang zum Gesundheitssystem für alle entfernt? Welche Vorschläge und Konzepte zur Annäherung an den Idealzustand gibt es? 443 interessierte TeilnehmerInnen tauschten sich im Rahmen der Tagung über die Determinante „Gender“ in Gesundheitssystemen sowie Bereichen der Prävention und Gesundheitsförderung aus. Im Fokus der Diskussionen und Debatten einiger Vorträge stand die Relevanz des Erzielens fairer Chancengleichheit im Gesundheitswesen.

Nationale sowie internationale Expertinnen und Experten sprachen in ihren Vorträgen über soziale Determinanten von Gesundheit, gendergerechte Behandlungsqualität und Kommunikation wie auch Möglichkeiten gendersensibler Prävention und Gesundheitsförderung. Einig war man sich, dass Chancengleichheit bedeutet, einen ungehinderten Zugang zu gesundheitsrelevanten Informationen, zu Präventions- und Versorgungsangeboten zu ermöglichen- unabhängig von Geschlecht, Herkunft, sozialem Status und Gesundheitszustand, ethnischen oder anderen Zugehörigkeiten. Diese Vision hegt auch die WHO Europa, deren Bemühungen Eröffnungsrednerin Piroska Östlin, in Vertretung der WHO-Direktorin Szuszanna Jakab, beschrieb. Das Bekenntnis zum Recht auf Gesundheit soll die neue, noch zu ratifizierende WHO-Charta „Health 2020“ postulieren.
Allerdings stünden diesem optimistischen Ansatz die äußerst diversen Lebensverhältnisse in den 53 Mitgliedsländern entgegen, verwies Östlin auf die geringe Lebenserwartung russischer Männer oder auf die hohe Müttersterblichkeit in Kirgisistan. Im Übrigen bestehe bezüglich geschlechtsspezifischer Chancengleichheit auch in Österreich Nachholbedarf, denn unser Land sieht der Global Gender Gap Index 2010 nur auf Platz 34, während die skandinavischen Länder führend sind. Zur Durchsetzung einer gemeinsamen europäischen Vision von Gesundheit als auch zur Umsetzung einer Health in all Policies-Strategie sei die massive Unterstützung durch die Politik notwendig.

Die soziale Dimension von Gesundheit erkennen

Martin Schenk, der Begründer der Österreichischen Armutskonferenz führte in seinem Referat vor Augen, wie stark Mittellosigkeit, prekäre Arbeitsverhältnisse, Statusverlust, fehlende Anerkennung oder Alleinerziehen die Betroffenen unter Stress setzen und verwendete dafür die Metapher „mit Vollgas und angezogener Handbremse gleichzeitig fahren“.
Im Ländervergleich schnitten vor allem jene Länder gut ab, in denen die Einkommensschere nicht so weit auseinander klafft. So gelten alleinerziehende Mütter, die in Österreich überproportional von Armut betroffen sind, in Skandinavien nicht als armutsgefährdet.

Alexandra Kautzky-Willer, Österreichs einzige Professorin für Gender-Medizin erörterte anhand des Themas Schwangerschaftsdiabetes die unterschiedlichen gesundheitlichen Auswirkungen des Lebensstils von Frauen und Männern und plädierte für mehr Prävention bei Schwangeren. Sie warnte davor, dass die Kinder von Schwangeren mit Gestationsdiabetes ein doppelt so hohes Risiko tragen, selbst einmal Diabetes Mellitus Typ 2 zu entwickeln.

Was folgt dem „Standardmodell Mann“?

Schwangerschaftsassoziierte Phänomene und deren Folgen seien noch zu wenig erforscht, unterstrich auch Vera Regitz-Zagrosek, Direktorin des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin an der Berliner Charité. Die Internistin mahnte die gegenwärtigen Herausforderungen geschlechtsspezifischer Forschung und Gesundheitsplanung ein, etwa die mangelnde Datenlage über die Unterschiede bei Männern und Frauen - so seien Depressionen und Osteoporose bei Männern zu wenig untersucht, es fehle an Wissen über den Arzneimittel-Stoffwechsel bei Frauen und Kindern,  auch der Bereich Herz-Kreislauferkrankungen, der in Bezug auf Gendermedizin eine Pionierstellung einnimmt, weise Lücken auf: Warum erhalten männliche Patienten rund 80 Prozent der Organspenden, wenn gleichzeitig 32 Prozent der Organspenden von Frauen stammen? „Wir wollen einen fairen Vergleich von Frauen und Männern“ so Regitz-Zagrosek.

Eine kritische Perspektive nahm auch die Soziologin Ellen Kuhlmann, die an der University of Bath lehrt, ein. Zwar komme das Gesundheitssystem langsam vom „Standardmodell Mann“ ab, welches Neutralität und Objektivität suggerierte, aber die soziale Dimension - der Gender-Bias benachteiligt auch bestimmte Gruppen von Männern - unsichtbar machte. Doch nun tue sich eine Lücke auf - es fehle ein neuer Standard, um Leitlinien für die Versorgungspraxis zu schaffen. Die Soziologin empfiehlt, gendersensible Indikatoren für die Versorgungsqualität sowie geschlechtergerechte Leitbilder für Spitäler und Gesundheitsanbieter zu entwickeln und Gender Mainstreaming in der Aus- und Weiterbildung zu verankern. Wenn Gender in den Mainstream Einzug hält, sichtet Kuhlmann aber auch neue Risiken: nämlich die Tendenz, Gender auf die Dimension des biologischen Geschlechts zu reduzieren und Gender als Markt von Pharmaindustrie, kosmetischer Chirurgie und Wellnessbereich zu betrachten.

Beate Wimmer-Puchinger, Wiener Frauengesundheitsbeauftragte, führte in ihrem Vortrag vor Augen, inwiefern sich die Rolle der Frau im Hinblick auf biopsychosoziale Einflüsse im Laufe der vergangenen Jahrzehnte verändert hat. „Wir brauchen psychosoziale Stützsysteme, um um die Benachteiligungen nicht für die nächste Generation weiterzuschreiben“, forderte sie. Außerdem weist sie darauf hin, dass trotz der wichtigen Etablierung von Gendermedizin viele für Frauen wichtige Aspekte weiterhin unterbeleuchtet sind und eine breite Verankerung im Sinne der Definition eines frauenspezifischen Focus’ noch nicht gelungen ist.


Den Plenarvorträgen folgten elf Parallelvorträge in drei Sessions am Nachmittag - über sozial belastete Frauen und Männer, alleinerziehende Frauen und pflegende Angehörige sowie über gendergerechte Kommunikation und Behandlungsqualität etwa im Umgang mit nicht deutschsprachigen oder mit intellektuell behinderten PatientInnen sowie über geschlechtssensible Gesundheitsförderungsangebote für Kinder, Jugendliche und SeniorInnen. Die Beiträge können Sie übrigens als Audio-Dokument downloaden.

Tenor der Konferenz war, dass Gender, soziale und psychosoziale Einflüsse einen wichtigen Einfluss auf Gesundheit, Krankheitsverlauf und Behandlungsqualität sowie auf den Zugang und die Inanspruchnahme von gesundheitsspezifischen Angeboten haben. In der abschließenden Podiumsdiskussion empfahl Gesundheitssoziologe Karl Krajic, Gender als Qualitätskriterium in der Gesundheitsplanung einzusetzen.

Christa Peinhaupt, die Leiterin des Fonds Gesundes Österreich, fasste zusammen: „Anstelle von gestreuten Lebensstil-Botschaften, die nur gebildete Menschen treffen, sollten wir in Zukunft die Bündnispartner der Gesundheitsförderung in Einrichtungen suchen, die mit sozial marginalisierten Menschen arbeiten.“

 

Unter Fotos finden Sie einen fotografischen Spaziergang durch die Konferenz! 

Ebenso der Abstractband, Tonaufnahmen der meisten Vorträge und eine Literaturliste zu wichtigen Themengebieten der Konferenz stehen Ihnen bereits als Download zur Verfügung.

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